
Igor Levit
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Vexations
Pourquois pas? Denkt sich der Hauspianist im Pariser Cabaret „Le Chat noir“. Warum nicht einfach die Frau ansprechen, die er den ganzen Abend schon aus dem Augenwinkel beobachtet und in die er sich Hals über Kopf verliebt hat? So hört er an diesem Samstag früher als gewöhnlich auf zu spielen und steuert geradewegs auf den Tisch zu, an dem sie sitzt: Suzanne Valadon, eine 28jährige Montmartre-Berühmtheit. Ehemalige Zirkusartistin, Model, Muse und Mätresse einiger der größten Künstler der damaligen Zeit. Größen wie Renoir, Degas oder Toulouse-Lautrec haben sie gemalt. Dabei hat sich Suzanne Valadon einiges abgeschaut und ist autodidaktisch Malerin geworden.
Mit ihr am Tisch sitzt ihr Liebhaber, ein gewisser Monsieur Paul Mousis, steinreicher Bankier und gern gesehener Zaungast der Pariser Bohème. Den exzentrischen Hauspianisten nennen die Stammgäste des „Chat noir“ Monsieur Le Pauvre. Arm ist er in der Tat, 27 Jahre jung, lange Haare, Zylinder, Kneifer, selten ohne Absinth Glas in der Hand und heißt: Erik Satie. Ohne Umschweife setzt er sich an diesem 14. Januar 1893 zu Suzanne und Paul an den Tisch. Einige Absinths später macht er ihr zur Überraschung aller einen Heiratsantrag. Geheiratet wird nicht, stattdessen stürzen sich die drei in bester Bohème-Manier in ein Ménage à trois. Es folgt ein filmreifes Terzett aus Leidenschaften, Eifersuchten, Obsessionen, körperlichen und emotionalen Verstrickungen, aus der nur eine unbeschädigt hervorgehen wird: die autonome und unabhängige Suzanne.
Satie nennt sie „Biqui“ und die Liebe seines Lebens. Zum Ostersonntag 1893 adressiert er ihr einen Viertakter für Gesang und Klavier: „Bonjour, Biqui, Bonjour“. Dieses „Bonjour“ klingt kaum nach einem „schönen Tag“; die desillusionierten Harmonien lassen vermuten, dass die gemeinsamen Tage reich an Kränkungen und Beziehungs-Qualen sind, auf gut französisch: Vexations. Bereits nach einem halben Jahr zieht Suzanne Valadon weiter, wird eine der Großen des Post-Impressionismus und Wegbereiterin der Moderne.
Sie bleibt, soweit bekannt, die einzige Frau und Liebe in Saties Leben. Nach der Trennung kommt ihm noch einmal der quälenden Schlussakkord aus „Bonjour, Biqui, bonjour“ in den Sinn. Er verwendet ihn in einer Miniatur wieder, die zumindest dem Titel nach weltberühmt wird. Die Zahl der Pianisten, die das Stück tatsächlich spielen, ist recht überschaubar: „Vexations“, was Quälereien, Kränkungen oder Beleidigungen bedeuten kann. Keine Tonart, keine Taktstriche, 17 langsam sich ins Ungewisse tastende Töne. Das „Thema“ in der linken Hand, gefolgt von zwei „Variationen“, in denen die rechte Hand jeden Ton mit neuen Akkorden einfärbt. Das Stück ist „Très lent“ zu spielen. Dieses „sehr langsam“ dehnt sich zu quälender Länge aus, denn der Notentext ist 840 mal zu wiederholen. Je nach Tempowahl dauern die „Vexations“ zwischen 13 und 20 Stunden.
Igor Levit: „Ich wette, dass ich jedem diese Abfolge von langsamen Tönen an einem Tag beibringen kann. Es ist leicht zu spielen und das ist noch eine Übertreibung. Das Stück hat keine Dramaturgie. Es hat keinen Anfang. Es hat kein Ende. Es hat keine Emotion. Es nimmt dich überhaupt nicht an die Hand. Es ist völlig egal, wie ich es interpretiere. Wen interessiert's?“
Stattdessen werfen die „Vexations“ revolutionären Fragen auf: Was ist ein Musikstück? Was ist die Funktion des Interpreten und die des Publikums? Diese Fragen denkt später der amerikanische Komponist John Cage radikal weiter. In seinem Klassiker „4.33“ für Klavier lässt er den Pianisten in allen drei Sätzen pausieren. Kein einziger Ton erklingt. Logisch, dass es genau dieser Happening-Experte John Cage ist, der die „Vexations“ 1963 als erster auf die Bühne bringt. Allerdings verteilt er die Quälerei auf 12 Pianisten, die sich über 18 Stunden 40 Minuten abwechseln. Die erste solistische Aufführung gibt 1967 der britische Musikwissenschaftler und Pianist Richard Toop. Igor Levit kommt die Idee zum pianistischen Langstreckenlauf in einer Zeit, in der kreative Köpfe gezwungen sind, out oft he box zu denken:
„Niemals hätte ich ohne Covid und ohne diesen Lockdown Zeit und Muße gefunden, das Stück aufzuführen. Ich wollte es viele Jahre vorher schon, aber Covid schien mir wie ein willkommener Anlass. Es fühlte sich so an, als wäre dieses Stück für diese Zeit geschrieben“.
So begibt sich Igor Levit in ein Berliner Studio, ganz alleine mit dem Flügel und den schier endlosen Wiederholungen. Und einigen Kameras, die die Aufführung live streamen. Rechts auf dem Flügel thront ein Stapel von 840 Din A 4 Seiten. Nach jeder Wiederholung lässt der Pianist ein Blatt Papier neben sich auf den Boden gleiten.
„Ich erinnere mich nicht mehr an die ersten eineinhalb Stunden. Nur daran, dass ich nach ungefähr eineinhalb Stunden diesen Papierstapel sah. Er ist nicht einen Millimeter kleiner geworden. Ich war irrsinnig genervt. Dieser Wutzustand wollte beim Spielen einfach nicht mehr verschwinden. Dieser Stapel wurde nicht kleiner. Warum mache ich das eigentlich? Was soll das? Die Wiederholungen wurden schneller, wurden lauter, aggressiver. Das Nächste, woran ich mich erinnere, war: Ich schaue nach rechts zum Papierstapel und plötzlich liegen da nur noch ein paar Blätter. Ich glaube, so fühlen sich Menschen, die nach einem Marathon ins Ziel einlaufen. Dieser Glücksgefühl-Ausstoß war enorm. Ich war wach. Es war kurz vor 6.00 Uhr morgens. Ich hatte sehr gute Laune.“
Den Ziel-Einlauf erreicht Igor Levit nach 15 Stunden 29 Minuten. Jeder, der sich den Stream auf Youtube oder eben diese Audio-Aufnahme anhört, wird sich wie Igor Levit eher früher als später fragen: warum tue ich mir diese Quälerei an? Satie wird es freuen. Denn er schiebt wie in fast all seinen Werken die Verantwortung vom Komponisten und vom Interpreten auf das Publikum. Er ist damit der Anti-Romantiker par excellence. Seine Musik versucht erst gar nicht, uns emotional zu ergreifen und durchzuschütteln. Sie will lediglich einen Raum gestalten, ein Ambiente herstellen, so wie es Möbel leisten. Satie nennt das „musique d’ameublement“.
„Es geht um dich, den Hörer. Du betrittst diesen Raum. Du musst dich um nichts kümmern. Du musst nicht auf die Dramaturgie achten. Es gibt keine. Du musst nicht auf Melodie achten. Es gibt keine. Du hast keine harmonischen Entwicklungen. Es gibt keine. Es gibt keinen Inhalt, keine Höhepunkte, keine Tiefpunkte. Es ist im Prinzip nur eine leere Hülle, die auch nicht besonders hübsch ist. Und jetzt bist du in diesem Raum und jede Verantwortung liegt bei dir. Was macht dieser Raum mit dir? Was machen Klänge mit dir, wenn du dir die Zeit nimmst, dieses Ding zu hören? Wie lang auch immer. Ob eine Viertelstunde, eine Stunde, zehn oder 18 Stunden.“
Das Stück fordert uns geradezu dazu auf, selbst zu entscheiden zwischen hören, hinhören, zuhören, weghören, auf-hören. Eine leichte Übung für Ambient-Aficionados, denen musikalische Struktur- und Sinnfragen nicht unbedingt unter den Nägeln brennen. Anders als bei Freunden, sagen wir der Diabelli-Variationen, einem musikalischen Kosmos, der uns vom ersten Takt an regelrecht zwingt, genau hinzuhören.
Natürlich kann man auch den „Vexations“ mit spitzen Ohren begegnen und das 90 Sekunden Gebilde wie ein Beethoven-Werk sezieren. Warum auch nicht? Der britische Musikwissenschaftler Robert Orledge hat die „Vexations“ mit feinstem Analyse-Besteck auseinandergenommen. Zum Vorschein kommen enharmonische Tricks, Hexachorde, Zahlenspielereien und sogar tonale Felder, die sich von es-moll nach E-Dur ausbreiten.
„Wie so oft bei Satie kann man darüber nur spekulieren. Und jede Spekulation, jedes Gespräch endet im Offenen, was schön ist! Es ist ein ungeheurer Spaß. Es macht Spaß, darüber zu reden. Es macht Spaß, es zu spielen. Es macht Spaß, die Sinnlosigkeit dessen auch zu analysieren. Ich würde dem kein großes Gewicht geben wollen. Konzeptionell ist das Stück revolutionär.“Und noch eine Spekulation: Kränkungen und Verletzungen, Wiederholungen und Isolation, kurzum das, was die „Vexations“ ausmachen, all das kennt Erik Satie bereits ein Leben lang:
als Sechsjähriger verliert er die Mutter, kurz darauf die jüngere Schwester, dann die Großmutter, die sich um den Jungen kümmert, schließlich die Trennung von der einzigen Liebe seines Lebens. Geldsorgen treiben Monsieur Le Pauvre in den schmucklosen Pariser Vorort Arceuil. Jahrzehntelanger Alkohol-Mißbrauch bringt ihn 1925 mit 59 ins Grab. Nach Saties Tod entdecken seine Freunde in der winzigen Wohnung zwei übereinandergestellte verstimmte Flügel, dazu Berge alter Zeitungen, über 100 Regenschirme, ein Dutzend identischer grauer Anzüge.
An der Wand hängen nebeneinander zwei Portraits aus jenem turbulentem Frühjahr 1893: das eine zeigt den jungen Satie, gemalt von Suzanne Valadon in ihrem ersten Ölgemälde. Auf dem anderen hat Satie seine Biqui mit kargen Strichen gezeichnet, minimalistisch wie seine Klavierstücke. Unter Bergen von Unrat taucht der Autograph der „Vexations“ auf. Erst 1949 wird das Stück veröffentlicht. 2025 stürzt sich Igor Levit in London vor Publikum in Saties Marathon-Stück und legt ein Jahr später eine reine Audio-Aufnahme vor.
„Die Aufnahme war bis jetzt die härteste Hürde. Anders als beim ersten und zweiten Mal hatte ich nicht das Gefühl, für ein Publikum zu spielen. Die Energie ging nach innen und nicht nach außen. Es hat sich zum ersten Mal tatsächlich wie eine Quälerei angefühlt.
Es hat mich auch zornig und wütend gemacht, weil es sich zum ersten Mal langsam und monoton anfühlte. Es war bis jetzt die ehrlichste, intensivste und auch langsamste Aufführung.“
Eine reine Audio-Aufnahme der 840 Wiederholungen? Ohne erlebbare Publikums- und Pianisten-Quälereien? Ohne Happening? Purer Nonsens? Warum?
„Die ehrlichste Antwort ist: Weil ich es kann und weil ich Lust darauf hatte. Die andere Antwort liefert ein jüdischer Witz. Warum antwortest du auf Fragen immer mit Gegenfragen? Warum nicht?“